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19.10.2018Review: Day 2


Das Spiel mit der Sprache

 

An seinem zweiten Abend präsentierte das woerdz sanfte Töne, eingängige Hip-Hop-Beats und stellte die Frage nach dem Umgang mit Sprache – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Wir benutzen sie, verformen sie, passen sie den eigenen Vorstellungen an. Die Rede ist von der Sprache. Schon James Joyce entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts eine eigene Ausdrucksweise: Er entwarf neue, teils übertriebene Wortschöpfungen, die seinen Erzählungen etwas Bildhaftes verliehen.

 

Davon sprach an diesem Abend Severin Perrig, der die Bedeutung von Lauten für die atmosphärische Vermittlung verdeutlichte. So assoziieren wir beispielsweise die Onomatopoie «bam, bam» mit einem hämmernden Geräusch.

 

Doch was ist, wenn wir manchmal zu sehr auf die Sprache einhämmern? Sie zu sehr unseren eigenen Vorstellungen anpassen, zu sehr in unsere immer schmaler werdende Zeitfenster pressen, bis wir sie zur Unkenntlichkeit verformt haben? So lautete die Frage von Jens Nielsen in seiner Werkschau. Und so malträtieren wir die Sprache, bis sie sich gezwungen sieht, in einen abgelegenen Wald zu fliehen, so lange, bis die Welt schliesslich still wird – und bis ebendiese Stille auf uns einschlägt; auf unsere Dächer und auf unsere Köpfe. Bam, bam.

 

Ich denkere, also werde ich sein

Doch vielleicht sollten wir das Ganze nicht so kulturpessimistisch sehen, uns einfach mehr Zeit nehmen, oder uns mit der Sprache mehr Zeit verschaffen. Eine Möglichkeit, um die Schlagkraft des beschleunigten Sprechens zu entschleunigen, erarbeiteten Corinna Virchow und Gerhard Meister in ihrem Werkauftrag «Zukunft der Sprache – Sprache der Zukunft». Ein neuer Tempus, bei dem ein beliebiges Verb mit dem Verb «werden» vereint wird, soll ausdrücken, dass noch keine Entscheidung gefällt wurde, sondern vielmehr eine Denkpause eingelegt wurde: «Ich denke, und bin noch nicht fertig damit», wie es Corinna Virchow beschrieb. So gibt es neben dem Präsens «ich denke», den Moratoriums-Tempus «ich denkerde».

 

Rätsch, rätsch

Ja, warum sich nicht mehr Zeit lassen? Denn viele Dinge sollen gut durchdacht sein – wie beispielsweise den richtigen Partner zu finden, wie Gülsha Adilji in ihrer Power-Point-Präsentation erläuterte. Denn um ihn, den perfekten Mann, der Kinder und Babydelfine liebt, zu überzeugen, bedarf es einer feinsäuberlichen Planung – die aber dennoch spontan wirken soll. Denn zu perfekt ist eben auch wieder einschüchternd. So legt sich Gülsha, um dem idealen Date-Material zu gefallen, auf den Brazilian-Waxing-Tisch von Kosmetikerin Günes und erfährt am eigenen Leib, was der Wunsch nach Haarlosigkeit «ab der Nase abwärts» alles mit sich bringt. Rätsch, rätsch.

 

Bum bum

Für tiefgehende Emotionen sorgte an diesem Abend nicht nur Gülshas Brazilan-Waxing-Experience, sondern auch Isa Wyss und Martina Clavadetscher: Während Martina ihr wunderbar Geschriebenes vorlas, spielte Isa melodiöse Töne auf ihrem Harmonium, hebte es hoch und schüttelte es.

Und schliesslich bewies der fulminante Auftritt der Luzerner Hip-Hop-Crew GeilerAsDu, dass zu Spoken Word eben weitaus mehr als Lyrik gehört, sondern auch ein bisschen «bum bum».

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